Ziel und Grenzen
Dieser Leitfaden ordnet, was bei der Jagd im Winter und im Gebirge die verfügbare Zeit verkürzt: Wind, Nässe, kurze Tage und Lawinengefahr. Er ersetzt keine Lawinenausbildung mit LVS-Gerät, Sonde und Schaufel und keinen Erste-Hilfe-Kurs. Die medizinischen Hinweise folgen dem Deutschen Alpenverein (2026), der Wilderness Medical Society (Erfrierungen, 2024) und der Internationalen Kommission für Alpine Notfallmedizin (ICAR MedCom, 2021). Im Zweifel gilt: Notruf absetzen, nicht abwarten.
Kälte und Gebirge
Wind macht Kälte gefährlicher, als das Thermometer zeigt. Nach dem Windchill-Index des kanadischen Umweltministeriums fühlen sich 0 °C bei 40 km/h Wind wie −7 °C an, −5 °C wie −14 °C und −10 °C wie −21 °C. Ab einem Windchill von −28 kann ungeschützte Haut innerhalb von 10 bis 30 Minuten erfrieren, ab −40 innerhalb von 5 bis 10 Minuten. Auf dem Ansitz, wo man sich kaum bewegt, zählt dieser Wert mehr als die Lufttemperatur.
Nässe verstärkt die Auskühlung. Wer verschwitzt aufsteigt und sich dann ansetzt, wechselt vorher die nasse Schicht. Der Deutsche Alpenverein nennt als Vorbeugung Wechselkleidung, winddichte Oberbekleidung, warme Getränke und ausreichend Essen; gegen Erfrierungen trockene, warme Handschuhe und Schuhe, Wärmepads oder Heizsocken.
Lawinen lösen sich vor allem in steilem Gelände. Die Europäische Lawinengefahrenskala hat fünf Stufen; das Lawinenbulletin nennt dazu Höhenlagen, Expositionen und Geländeformen, für die die Gefahr gilt. Als steil gilt ein Hang ab 30 Grad, als sehr steil ab 35 und als extrem steil ab 40 Grad (SLF). Wer im Winter zur Gams aufsteigt, liest vor dem Aufbruch das aktuelle Bulletin des zuständigen Warndienstes und plant den Weg so, dass er diese Hänge meidet.
Orientierung und Navigation
Bei Nebel oder Schneetreiben verschwimmen Gelände und Horizont, und bekannte Wege sehen fremd aus. Den Rückweg deshalb vor dem Aufstieg festlegen, markante Punkte unterwegs einprägen und Umkehrzeit und Treffpunkt mit dem Begleiter vereinbaren. Ein geladenes Telefon mit Karte hilft beim Zurückfinden und beim Notruf; es ersetzt nicht den geplanten Rückweg.
Sicherheit
Die Umkehrzeit wird vor dem Aufstieg festgelegt und gilt auch dann, wenn am Grat die Gams steht. Für den Abstieg braucht es Kraft und Tageslicht, im Winter ist beides knapper. Wer allein in lawinengefährdetes Gelände geht, hat im Ernstfall niemanden, der sucht; dort nicht allein gehen.
In den Rucksack gehören Wechselkleidung, eine winddichte Schicht, trockene Handschuhe und Socken, Wärmepads, warme Getränke, Stirnlampe, Biwaksack und ein geladenes Telefon. LVS-Gerät, Sonde und Schaufel helfen nur, wenn alle in der Gruppe sie beherrschen.
Notfall im Gelände
Unterkühlung: Die betroffene Person an einen windgeschützten, trockenen Ort bringen, vor weiterer Auskühlung schützen und ruckartige Bewegungen vermeiden, weil sonst kaltes Blut aus Armen und Beinen zum Körperkern strömen und Herzrhythmusstörungen auslösen kann. Bei Kreislaufstillstand sofort Notruf und Wiederbelebung im Rhythmus 30:2 (Deutscher Alpenverein). Die ICAR MedCom schätzt das Risiko eines Herzstillstands seit 2021 nach der Bewusstseinslage ein, nicht mehr nach der vermuteten Kerntemperatur: Je weniger jemand ansprechbar ist, desto dringlicher ist die Rettung.
Erfrierungen: Die Stelle nicht reiben oder massieren und nicht mit Schnee oder Eis behandeln. Aufgetaut wird nur, wenn sie danach sicher warm bleibt; kann sie wieder einfrieren, ist es sicherer, sie gefroren zu lassen, bis das möglich ist. Ist schnelles Erwärmen nicht möglich, an warmer Haut erwärmen, etwa in der Achsel; im Wasserbad gelten 37 bis 39 °C (Wilderness Medical Society 2024).
Notruf: 112 in der EU, in Österreich zusätzlich 140 für die Bergrettung, in der Schweiz 1414 für die Rega. Ohne Netz hilft das alpine Notsignal: sechs Zeichen innerhalb einer Minute, etwa Rufen, Pfeifen oder Licht, dann eine Minute Pause und wiederholen. Die Antwort sind drei Zeichen pro Minute. Die Antwort auf das alpine Notsignal besteht aus drei Zeichen, die während der Pause des Notsignals gegeben werden.
Grenzwerte und Warnzeichen
Der Windchill-Index des kanadischen Umweltministeriums beschreibt das gefühlte Kältegefühl durch Kombination von Temperatur und Windgeschwindigkeit, wenn die Temperaturen unter null Grad liegen.
Checkliste
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Häufige Fragen zu Kälte, Wind und Gebirge: Zeitfenster und Umkehr
Wann kehre ich um?
Wenn die festgelegte Umkehrzeit erreicht ist, die Sicht kippt, der Wind den Stand unmöglich macht oder die Kraft für den Abstieg nicht mehr reicht. Die Gams am Grat ändert diese Rechnung nicht.
Wie kalt ist es bei Wind wirklich?
Deutlich kälter als gemessen. Nach dem Windchill-Index des kanadischen Umweltministeriums fühlen sich −10 °C bei 40 km/h Wind wie −21 °C an; ab −28 kann ungeschützte Haut in 10 bis 30 Minuten erfrieren.
Quellen und Evidenz
6 Einträge- Amtliche Primärquelle Abruf: 13.9.2026
Wind chill and the Wind Chill Index
- Peer-Review Studie Abruf: 13.9.2026
Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Frostbite: 2024 Update
- Peer-Review Studie Abruf: 13.9.2026
Clinical staging of accidental hypothermia: The Revised Swiss System. Recommendation of the International Commission for Mountain Emergency Medicine (ICAR MedCom)
- Fachverband / Körperschaft Abruf: 13.9.2026
Unterkühlung und Erfrierung am Berg (Katharina Grasegger, 04.02.2026)
- Amtliche Primärquelle Abruf: 13.9.2026
Europäische Lawinengefahrenskala mit Empfehlungen und Ergänzungen
- Ergänzende Fachquelle Abruf: 13.9.2026
Alpines Notsignal
Geltung und Prüfstand
- Gilt für
- Österreich, Deutschland, Schweiz, Norwegen
- Inhalt geprüft
- Primärquellen
- 4 Primärquellen hinterlegt
