Erstmalig erstellt: Redaktionelle Verantwortung: WSK

Lockjagd und Ansitz im Revier bei Dämmerung
siehe Bild- und Kartenquellen

Akustische Lockjagd und Lockinstrumente

Rehwild (Blattzeit): In der sommerlichen Blattzeit (Juli bis August) sprechen Rehböcke vor allem auf die arteigenen Laute der Ricke und des Kitzes an: den leisen Rickenfiep (nasales 'höh'-Fiepen), den erregten Sprengfiep (drängender Locklaut, wenn die Ricke vom Bock getrieben wird) und den Kitzfiep (hoher Klagelaut). Das Locken beginnt behutsam mit tiefen, leisen Tönen, gefolgt von variierenden Serien in höherer Tonlage. Ein plötzlicher Sprengruf ('Piäää') signalisiert Rivalität und lockt territoriale Platzböcke oft rasch aus der Dickung. Nach dem Einnehmen des Blattstandes stets 10 bis 15 Minuten Ruhe einhalten, damit Witterungsspuren verwehen. Töne müssen in Höhe und Rhythmus variiert werden, da Rehe in der Natur nie monoton fiepen.

Standortwahl bei der Blattjagd: Ideal ist ein Stand im lichten Dickicht am Waldrand, sodass vom Hellen ins Dunkle geblattet wird (der Rehbock springt bevorzugt aus dem Offenen in Deckung). Der Wind sollte idealerweise in den Rücken wehen, da anwechselnde Rehe versuchen, die Dickung windaufwärts zu umschlagen. Ein Windanzeiger (Seifenblasen, Asche, Daunenfeder) ist unverzichtbar. Die beste Blattzeit liegt in der Feuchtphase der frühen Morgenstunden (nach dem Abtauen) sowie in der Abenddämmerung.

Rotwild (Brunft): Im September dominieren beim Rothirsch das Brunftröhren und verschiedene Soziallaute. Als Lockinstrumente dienen Hirschrufe (z. B. Faulhaber-Hirschruf, Eifel-Ruf), Teleskop-Langröhren oder traditionelle 40-cm-Ochsenhörner. Typische Brunftrufe umfassen den Suchruf (hohe, suchende 'äh-äh-ö'-Laute junger Hirsche), die Platzhirschmeldung (tiefes, sonores Standröhren zur Reviermarkierung), den Duellruf (aggressive Herausforderung zwischen Rivalen) und den Sprengruf (heiseres 'Öh-Öh-Öh' zum Vergrämen von Beihirschen). Mahnlaute der Hirschkuh locken zudem jüngere Hirsche ohne eigenes Kahlwildrudel an.

Psychologie der Kahlwildherde: Kahlwildrudel halten engen Zusammenhalt und reagieren sensibel auf Störungen. Werden Kälber oder Schmaltiere unmittelbar vor oder während der Hauptbrunft erlegt, wird das Rudel unruhig und meidet den Brunftplatz – Kahlwildabschüsse sollten daher bevorzugt nach der Brunft erfolgen. Rotwild reagiert auf synthetische Duftstoffe extrem verhalten; bewährt sind natürliche Salzlecken an traditionellen Wechseln.

Raubwild (Fuchs, Marderhund): Akustische Reize basieren primär auf Beutelauten wie Hasenklage, Kaninchenklage, Vogelklage und Mäusepfeifen. Im Sommer (Mai bis Juli) sind junge Füchse unerfahren und sprechen hervorragend auf Mäusepfeife und Vogelklage an (Hasenklage wirkt auf Jungfüchse oft zu wuchtig). Im harten Winter (November bis Januar) treibt Nahrungsmangel die Füchse zur Hasenklage. Zur Ranzzeit im Spätwinter locken Ranzlaute wie der männliche Ranzbeller und die leise Fuchsflöte (Fähenwinseln). Häufiger Fehler: Überreizung (Overcalling) – zu laute Serien ohne Pausen verknüpfen Füchse schnell mit Gefahr.

Flugwild (Enten, Gänse, Krähen): Federwild orientiert sich an artgleichen Kontakt- und Futterlauten. Stockenten reagieren auf Entenpfeifen (Stockenten-Quak) in Verbindung mit schwimmenden FUD-Decoys. Graugänse und Saatgänse sprechen auf tiefe Grummel- und Flugrufe über großen Lockbildern (Gänseliege mit 15 bis 40 Halbschalen/Vollkörpern, 2/3 äsend, 1/3 aufmerksam) an. Bei der Krähenjagd werden 20 bis 40 beflockte Lockkrähen in einem lockeren Lockbild mit freier Landezone im Zentrum platziert und durch gezielte Krähenlocker-Rufe unterstützt.

Optische und haptische Lockmittel

Visuelle Lockmittel (Decoys, Attrappen, Karussells) ergänzen die Akustik entscheidend. Bei der Krähenjagd sind reflexionsfreie, samtartig beflockte Lockkrähen Standard, um Sonnenreflexionen auf Kunststoff zu vermeiden. Eine oder zwei Lockelstern im Schwarm erhöhen das Sicherheitsgefühl einfallender Krähen. Krähenkarussells (rotierende Gestelle mit bewegten Lockvögeln) und Krähenmagnete erzeugen weithin sichtbare Flügelschläge.

Bei der Wasser- und Gänsejagd auf Stoppelfeldern und Wasserflächen kommen formstabile 3D-Lockvögel, FUD-Faltschablonen, Gänseflaggen (Tarnstoff-Fahnen zur Bewegungssimulation) und getarnte Liegeschirme (Layout-Blinds) zum Einsatz. Schattenwurf, matte Texturen und eine asymmetrische Verteilung verhindern, dass scharfsichtige Vögel das Lockbild als künstliche Falle entlarven. Der Jäger muss im Schirm regungslos verharren, da Gesichtsblitzer und hastige Waffenbewegungen anfliegendes Flugwild sofort abdrehen lassen.

Geruchliche Lockmittel, Pheromone und Kirrung

Olfaktorische Lockstoffe sprechen Nahrungs- und Paarungsinstinkte an. Buchenholzteer (hochkonzentrierter Laubholzteer) auf Malbäumen zieht Schwarzwild durch seinen charakteristischen Geruch magisch an und dient gleichzeitig der Parasitenabwehr an den Scheuerbäumen. Pheromonzusätze (z. B. synthetische Keiler- oder Bachenhormone) können die Anziehungskraft zur Rauschzeit verstärken. Wenige Tropfen naturreines Anisöl an Salzlecken oder Futterstellen überdecken menschliche Witterung und wirken auf Schwarzwild, Rotwild und Rehwild anziehend.

Süßliche Frucht- und Getreidelockstoffe sowie Apfeltrester und Salzpasten locken Rehwild zuverlässig an Reviereinrichtungen. Wildschweine sprechen auch auf Eiweiß-, Maden- oder Aasgerüche an; reine Fleisch- und Fleischabfalllockungen (Luderplätze) unterliegen jedoch strengen seuchenhygienischen Auflagen (Kadaverbeseitigungsrecht).

Rechtliche Rahmenbedingungen DACH & Seuchenhygiene: Die Kirrung von Schwarzwild ist in den Landesjagdgesetzen Deutschlands und Österreichs sowie kantonal in der Schweiz streng reglementiert. Typische Vorschriften verlangen: Mindestabstand zu befriedeten Bezirken und Wegen (> 100–150 m), maximale Anzahl Kirrstellen je Revierfläche (z. B. 1 Kirrung pro angefangene 50 oder 100 ha), Minimalmengen (z. B. max. 1 Liter bzw. 50–100 g Getreide/Mais pro Tag) und verdeckte Ausbringung (in Kirrtrommeln, Steingruben oder Erdlöchern), um Masthaltungseffekte und Kahlwildfütterung auszuschließen. Im Rahmen der Prävention der Afrikanischen Schweinepest (ASP) gelten in Sperrzonen oft vollständige Kirrverbote. Salzlecken müssen witterungsgeschützt angebracht und Futterreste regelmäßig kontrolliert werden.

Verhaltenspsychologie und Vermeidung von Fehlschlägen

Die meisten Misserfolge bei der Lockjagd resultieren aus Fehlern in Windführung, Tarnung oder Lockintensität:

1. Wind und Thermik: Schlechter Wind trägt menschliche Witterung direkt in den Einstand des Wildes ('Verblasen'). Vor dem Rufen stets Windprüfer nutzen. Nach dem Aufbaumen 10–15 Minuten warten, damit sich die Umgebung beruhigt. Bei starker Mittagsthermik brechen Schallwellen unberechenbar ab – frühe Morgen- und späte Abendstunden bieten optimale akustische Schallausbreitung.

2. Silhouette und Tarnung: Gegenlicht, unbedeckte Hände, weiße Gesichtshaut oder helle Zielfernrohrreflexionen verraten den Schützen sofort. Schirme müssen von hinten blickdicht verblendet sein. Bei Schnee oder Wintersonne hebt sich jede Bewegung extrem ab – Gesichtsmaske und Handschuhe sind Pflicht.

3. Lockton-Fehler & Überreizung (Overcalling): Dauerschleifen, unnatürlich schrille Töne und übertriebene Lautstärken machen Wild misstrauisch. Lockserien sollten kurz (3 bis 5 Rufe), dynamisch moduliert und von 5- bis 10-minütigen Pausen unterbrochen sein. Reagiert Wild nicht, wird nach einer Pause vorsichtig wiederholt oder die Tonhöhe gewechselt.

4. Misstrauensanzeichen deuten: Sichert das Wild auf weite Distanz, verhofft starr mit erhobenem Haupt oder zieht im weiten Bogen windabwärts, wurde die Täuschung geahnt. In diesem Fall sofortiges Einstellen des Rufens, kein Nachblatten und geduldiges Abwarten im Anschlag.

Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Praxis

Praktischer Ablauf einer erfolgreichen Lockjagd:

1. Standortwahl & Wechsel: Revierkenntnis nutzen; Plätze an Einständen, Verjüngungen, Feld-Wald-Übergängen oder Schilfkanten wählen. Ansitz so anlegen, dass der Wind zum Lockbild bzw. parallel weht.

2. Lautlose Vorbereitung: Leiser Anmarsch über gepflegte Pirschwege. Auf dem Sitzplatz 10–15 Minuten absolut ruhig verharren, Waffe auf Zielstock/Auflage einrichten und Lockinstrumente griffbereit platzieren.

3. Locken behutsam starten: Immer mit den leisesten Lauten beginnen (z. B. leiser Rickenfiep, dezentes Mäuseln). Bei Ausbleiben von Reaktion Lautstärke und Dringlichkeit stufenweise steigern (Kitzfiep, Sprengruf, Hasenklage).

4. Geduldiges Beobachten: Wild nähert sich oft extrem leise und vorsichtig im Unterholz. Füchse zögern häufig 10 bis 15 Minuten am Waldrand, Rehböcke stehen oft plötzlich verdeckt im Bestand.

5. Lage anpassen & Schussabgabe: Dreht der Wind oder verharrt das Wild im Bestand, nicht hektisch nachlocken. Das Gewehr im ruhigen Anschlag halten und eine breite Schussgelegenheit mit sicherem Kugelfang abwarten.

Checkliste

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Häufige Fragen zu Lockjagd & Lockinstrumente: Akustik, Optik, Kirrung & Praxisleitfaden

Warum sollte man nach dem Einnehmen des Blattstandes 10 bis 15 Minuten warten?

Beim Beziehen des Ansitzes wird unvermeidbar Witterung und Unruhe in den Nahbereich getragen. Die 10- bis 15-minütige Ruhepause lässt Luftwirbel abklingen, beruhigt die Umgebung und verhindert, dass anwechselndes Wild den ersten Lockruf mit menschlicher Präsenz verknüpft.

Was versteht man unter 'Overcalling' bei der Raubwild- und Blattjagd?

Overcalling bezeichnet das übermäßige, ununterbrochene oder zu laute Wiederholen von Lockrufen. Wild gewöhnt sich entweder an das monotone Geräusch oder schöpft Verdacht und meidet den Bereich weiträumig. Kurze Serien mit 5–10 Minuten Pause sind deutlich erfolgreicher.

Welche rechtlichen Vorgaben gelten für Kirrungen im DACH-Raum?

Kirrungen dürfen ausschließlich zur Bejagung und nicht zur Fütterung dienen. Vorgeschrieben sind Mindestabstände zu Wegen (meist > 100–150 m), maximale Kirrstellen je Revierfläche, minimale Ausbringungsmengen (z. B. max. 1 Liter Getreide täglich) und verdeckte Ausbringung. Bei ASP-Gefahr gelten oft strenge Ausbringungsverbote.

Quellen und Evidenz

2 Einträge
  1. Fachverband / Körperschaft Abruf: 21.8.2026

    Leitfaden Rehkitzrettung mit Drohne und Wärmebild

    Deutscher Jagdverband (DJV) Primärdokument öffnen ↗
  2. Amtliche Primärquelle Abruf: 21.8.2026

    Tierschutzgesetz (TierSchG) § 17 Straftatbestand Wirbeltiertötung

    Bundesministerium der Justiz Primärdokument öffnen ↗